
In all den Jahren, in denen ich vor den Toren Hamburgs wohnte, hatte ich nie das Japanische Filmfest besucht. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, das ich erst ans andere Ende der Republik ziehen musste, bevor ich diesem feinen Festival mal einen Besuch abstattete. So ist die zehnte Auflage dieses Festivals mein erstes. Über die drei Kinos 3001, B-Movie und Metropolis (derzeit im ehemaligen Savoy beheimatet) wurden vor allem zeitgenössische japanische Filme gezeigt. Ich hatte mich auf Vorstellungen im Metropolis begrenzt.
Für mich ging es am zweiten Festivaltag mit Detroit Metal City los. Auf der Nippon Connection hatte er mir schon unheimlich viel Spaß bereitet. Auch die Zweitsichtung war ausgesprochen erfreulich. Es ist der witzigste Film, den ich dieses Jahr bisher im Kino erleben durfte.
Da ein Film am Tag zu wenig ist, sah ich anschließend wider meiner Vorbehalte Gelatin Silver, Love. Von Haus aus bin ich kein Freund des künstlerischen Arthauskinos und der Trailer ließ ein Paradebeispiel erwarten. Und so kam es auch, extrem wenig Dialog (der erste kam nach 25 Minuten; ja, ich habe auf die Uhr geschaut), manchmal endlos wirkenden Einstellungen und sich lange Zeit lassender Storyaufbau. Die Bilder waren oft tatsächlich gelungen. Die häufig indirekte Beleuchtung über unruhige Wasseroberflächen war Anfangs interessant, dann nervend und nach einer gewissen Gewöhnung doch wieder faszinierend. Oft hatte ich aber den Eindruck, eine Videoistallation in einem Kunstmuseum anzuschauen. Minutenlang einer Frau beim Verzehr eines gekochten Eis zuzuschauen, entspricht nicht dem, was ich mir unter einem spannenden Kinoabend vorstelle. Für Freunde langsameren Kinos, das viel nur andeutet als explizit sagt, ist der Film sicherlich empfehlenswert. Für Mainstreamkinder, wie ich eines bin, ist es insgesamt doch zu zäh.
Am nächsten Tag, am Freitag, ging es mit Memory Stealers los. Dieser SF-Actionthriller dreht sich um eine Technik, ERinnerungen zu übertragen. Dabei verbünden sich ein Dieb und ein Wissenschaftler gegen einen finsteren Konzern. Als gelegentlicher Shadowrun-Spieler hörte sich das selbstredend interessant an. Der Film wurde unabhängig produziert. Er zeigt sich durchaus ambitioniert in den Effektszenen und Martial-Arts-Einlagen. Nur fehlte offensichtlich teils das Können und teils das Geld. Verfolgungsjagden fliegender Autos begrüsse ich grundsätzlich, aber bei den gebotenen CGI-Bildern hätte man doch lieber auf solche Einlagen verzichten sollen. Leider sind viele Szenen, die überwiegend nachts spielen, miserable ausgeleuchtet. Insgesamt reicht es kaum über eine DVD-Premiere aus der hinteren Ecke einer Videothek kaum heraus. Trotzdem wäre ich interessiert zu sehen, was das Team mit Übung und mehr Budget fabrizieren könnte.
Anschließend gab es wieder Arthaus, wenn auch Science Fiction. Zur Vorstellung von The Clone Returns Home war Produzent Wim Wenders angekündigt. Leider schaffte er es zeitlich nicht. Im Film selbst geht es um einen Astronauten, der nach einem tödlichen Unglück, geklont wird. Ein Ereignis in der Vergangenheit lässt seine Seele aber nicht ruhen. Das Metaphysische habe ich weder verstanden noch möchte ich es. Im Gegensatz zu Gelatin Silver, Love waren die Bilder keine Attraktion.
Vic Chow soll in Ostasien ein bekannter Fernsehstar zu sein. Zumindest hat mir das eine Festivalbesucherin versichert. Ich kannte ihn nicht und nach Tea Fight habe ich nicht das Gefühl, das man ihn unbedingt kennen muss (aber vielleicht sieht das in seiner Erfolgsserie anders aus). Der Titel darf hier wörtlich genommen werden. Es wird zwar nicht mit Fäusten gekämpft, dafür gibt es Teeduelle, in denen es darum geht, wer den besseren Tee hat und diesen perfekt zubereitet. Die junge Mikio hat mit ihrem Vater zu kämpfen, ein ehemaliger Teemeister, der sich nach dem Tod seiner Frau hängen lässt. Gegen den Widerstand ihres Vaters reist sie nach Taiwan, um in der Teekunst ausgebildet zu werden. Sie gerät in einen jahrhundertealten Konflikt zweier Teedynastien. So richtig ernst nimmt sich der Film nicht, als reine Komödie mag er aber auch nicht funktionieren. Diese Unentschiedenheit hilft Tea Fight nicht. Für die hundert Minuten Laufzeit ist es aber recht nett anzuschauen.
Bei der Festivalparty am Freitag Abend habe ich nur sehr kurz vorbeigeschaut. Zu kurz, um einen qualifizierten Kommentar abzugeben.
Samstag Mittag stand der Höhepunkt des Festivals an. Sion Sonos Meisterwek Love Exposure hat auch beim zweiten Mal sehen nicht an Faszination verloren. Hoffentlich findet er beim Kinostart im August die verdiente Aufmerksamkeit beim Publikum und Presse.
Welcome to the Quiet Room bietet einen teils komischen, teils dramatischen Einblick in eine Psychatrische Klinik. Asuka wacht nach einem angeblichen Selbstmordversuch festgeschnallt in einer psychologischen Abteilung auf. Während sie sich mit ihren Mitpatientinnen anfreundet, rekonstruiert sie Stück für Stück die Ereignisse, die sie hierher gebracht haben. Manchmal gelingt die Balance zwischen Ernsthaftem und Komödiantischen nicht ganz, aber das schmälert den Charme der Erzählung und der Darsteller kaum.
Zum Abschluss stand auf meinem Filmprogramm der ironische Agentenfilm The Code. Es ist der zweite oder dritte (?) Kinofilm zu einer fünfzig-teiligen Webserie. Die Serie um das Detective Office 5 hat in jeder Folge einen anderen Detektiv mit besonderen Fähigkeiten, die anscheinend auch sehr ungewöhnlich sein können, im Mittelpunkt. Die Ausstattung zeigt eine charmante Mischung aus Moderne und Noir da. Der Ton bleibt angenehm leicht ironisch. Das Konzept der Reihe macht den grossen Reiz des Films aus. Der Protagonist ist Code-Experte, der in der gelungenen Eingangssequenz vom Schreibtisch geradezu nebenbei, die schwierigsten Codes knackt. Bis ihn ein mysteriöser Fall nach Shanghai verschlägt. Zum großen Kino reicht es nicht, unterhaltsam ist es aber allemal.
Es gehört wohl einfach dazu, das bei acht Filmen auf einem Festival Licht und Schatten dabei ist. Es gab keine Totalausfälle, aber bei Gelatin Silver, Love oder The Clone Returns Home verspüre ich keinerlei Wunsch, sie je ein weiteres mal zu sehen. Dagegen standen Highlights wie Love Exposure und Detroit Metal City, die auch ein zweites mal überzeugen konnten, oder Welcome to the Quiet Room.
Es hat mich auch sehr gefreut, ein paar nette Ähnlichgesinnte kennenzulernen (Hallo Klaus
).





