Perdido Street Station

New Crobuzon war eine Stadt ohne Respekt vor der Schwerkraft.

In ihrem Luftraum krochen Aerostats von Wolke zu Wolke wie Schnecken auf Kohlköpfen. Milizgondeln flitzten in hundert Metern Höhe durch das Herz der Stadt zu den Außen bezirken, die Trag- und Zugseile summten und vibrierten wie Gitarrensaiten. Wyrmen kraulten durch den Himmel, hinterließen eine Spur aus Exkrementen und Flüchen. Tauben teilten sich das Revier über den Dächern mit Dohlen und Falken und Spatzen und entflogenen Papgeien. Geflügelte Ameisen, Wespen, Bienen und Schmeißfliegen, Schmetterlinge und Schnaken führten Rückzugsgefechte gegen tausend Aspis' und Dheri, die sie im Fluge aufschnappten. Golems, von betrunkenen Studenten aus einer Bierlaune zusammengestümpert, wuchteten sich stumpfsinnig durch die Luft, auf plumpen Flügeln aus Leder, papier oder Obstschalen, die während des Fliegens Stück für Stück zerfielen. Sogar die Züge, die Heerscharen von Männern und Frauen sowie unzählige Güter durch New Crobuzons riesiges Gerippe transportierten, strebten danach, über den Häusern zu bleiben, als fürchteten sie Verunreinigung durch Architektur.
, Perdido Street Station, Kapitel 6

Diese längere Textpassage stammt aus dem voluminösen Roman Perdido Street Station des Londoners China Mieville. Mit diesem 2000 erschienen Roman, seinem zweiten nach "König Ratte" (dazu bald mehr), hat sich Mieville innerhalb kurzer Zeit enormes Ansehen und einige Preise verdient.

Die titelgebende Perdido Street Station ist der zentrale Bahnhof und das Herz von New Crobuzon, der grössten Stadt Bas-Lags. In dieser städtischen Schmelztiegel lebt und forscht Isaac Dan dar Grimnebulin, Wissenschaftler, Freidenker und selten um ein Wort verlegen. Sein täglicher Trott wird jäh gestört, als ein Fremder mit einem ungewöhnlichen Anliegen an ihn herantritt. Als ein "Falter" droht die Stadt zu verwüsten, liegt es an Isaac und einer kleinen Gruppe von Menschen, die Stadt zu retten.

"Perdido Street Station" bietet eine Reihe von lebendigen und bunten Charakteren. Isaac ist ein sympathischer Geselle, mit dem man im Laufe der Geschichte glaubhaft das gesamte Spektrum der Gefühle durchlebt. Menschen wie Isaac stellen aber nur einen kleinen Teil des Figurenkabinetts dar. Lin, die Lebensgefährtin von Isaac, ist ein Zwitterwesen aus Mensch und Insekt, als Person aber vor allem eine sensible Künstlerin. Es gibt aber auch viel exotischere Wesen. Am besten im Gedächtnis bleibt sicher der "Weber", eine faszinierend fremdartige Riesenspinne. Der Leser wird einigen interessante Gestalten begegnen. Ein denkwürdigeres Sammelsurium an Figuren ist mir bisher noch nicht untergekommen.
Der eigentliche Star des Buches ist aber auf jeden Fall New Cobruzon. Die Stadt ist ein Moloch, der seines gleichen sucht. Die einleitende Ausschnitt sollte ein gutes Bild abgeben, wie detailiert und beeindruckend der Schauplatz ausgestaltet ist. In den verschiedensten Grautönen geschildert, erinnert die Metropole nicht unbeabsichtigt an das London der industriellen Revolution, nur exotischer und absonderlicher. Charles Dickens hätte sich sicher schnell zurechtgefunden.
Mievilles Bas-Lag ist eine Welt voller Wunder, eine krude Mischung aus Mittelalter, Steampunk, Fantasy und allem, was dem Autor sonst noch in den Sinn kam. Man hab manchmal den Eindruck, das Buch wurde nur geschrieben, damit Mieville alle seine Einfälle und Phantasien irgendwie unterzubringen. Es sei ihm verziehen, wenn es einen solchen Spass macht.

Die Geschichte birgt viele Ideen und weiss wunderbar zu fesseln. Der Autor konzentriert sich aber vor allem auf seine Charaktere und ihre Umwelt, so regiert oft der Zufall das Geschehens. Die Handlung entwickelt sich zuwenig aus den Aktionen der Protagonisten, diese sind oft nur Spielbälle der Umstände. Das könnte vielleicht unbefriedigend sein, wenn es nicht so schön erzählt wäre. Mievilles Sprache sprüht vor Farbenpracht und besitzt einen enormen Wortreichtum. Man könnte einwenden, sein Stil wäre vollkommen "verquast". Ja, aber er ist wundervoll verquast. Trotz aller Vielfalt, oder vielleicht gerade deswegen, lässt sich "Perdido Street Station" gut lesen. Wenn das Verständnis manchmal auch ein wenig Konzentration benötigt, wird diese doch reichlich belohnt. Lobend hervorheben möchte ich die kongeniale Übersetzung von Eva Bauche-Eppers. Ein Zuckerschlecken war die Übertragung ins Deutsche bestimmt nicht.

Ich kann den Roman nur jedem empfehlen. Es gehört zu den besten, die ich bisher das Glück hatte zu lesen, auch wenn die fast 800 Seiten anfangs etwas abschreckend wirken. Ein Leckerbissen der phantastischen Literatur. Viel Spass bei der unterhaltsamen und ergiebigen Lektüre :).

P.S. "Perdido Street Station" ist bei Bastei-Lübbe in zwei Taschenbüchern aufgeteilt erschienen. Die Bände heißen "Die Falter" und "Der Weber". Die gebundene Sonderausgabe von Amazon, der komplette Roman, wurde vor kurzem im Preis gesenkt.

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